Astrologie Geschichte

Hellenistische Astrologie, traditionelle Astrologie, psychologische Astrologie

Tempel Hathor, Tender
Astrologie Geschichte

was ist hellenistische Astrologie?

Zurück zu den Ursprüngen Als ich meine astrologische Ausbildung im DAV Zentrum Astropraxis Hamburg begann, sagte meine Mentorin einmal: „Früher oder später merkst du, welche Richtung in der Astrologie dich besonders ruft.“ Und genau so war es. Etwa ein Jahr nach meinem Start stieß ich auf ‚The Astrology Podcast‘ von Chris Brennan. Chris ist ein US-amerikanischer Astrologe, Autor und Podcaster, der sich intensiv mit den antiken Wurzeln unserer Disziplin beschäftigt. Sein Buch ‚Hellenistic Astrology: The Study of Fate and Fortune‘ gilt heute als Standardwerk. In seinem Podcast führt er tiefgehende Gespräche mit internationalen Astrolog:innen über Geschichte, Philosophie, Techniken und Praxis. Was mich sofort faszinierte: Die hellenistische Astrologie bietet konkrete, praktische Werkzeuge für die astrologische Deutungspraxis – und gleichzeitig ein tiefes Verständnis dafür, warum unsere moderne Astrologie so funktioniert, wie sie funktioniert. In diesem Beitrag möchte ich euch für diese Urform der Astrologie begeistern und einige der wichtigsten Techniken vorstellen. Ursprung im Mittelmeerraum Die hellenistische Astrologie entstand zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 6.–7. Jahrhundert n. Chr. im kulturell lebendigen Umfeld rund um das Mittelmeer. Hier entwickelte sich eine neue, individuelle Form: die horoskopische Astrologie. Während ältere Traditionen wie die babylonische Astrologie vor allem Omen-Deutung für kollektive Ereignisse betrieben, verlagerte die hellenistische Astrologie den Fokus auf das Individuum. Ein entscheidender Schritt war die Einführung des Aszendenten – in antiken Texten als ‚Horoskopos‘ oder ‚Hour-Marker‘ bezeichnet. Er markiert den östlichen Horizont zum Geburtszeitpunkt und wurde zum Ankerpunkt für die zwölf Häuser, die ‚Topoi‘ oder ‚Orte‘. Damit entstand erstmals ein systematisches Ordnungssystem für Lebensbereiche: Familie, Beruf, Partnerschaft, Gesundheit – jedes Thema bekam seinen Platz in einer kosmischen Architektur. Zwei zentrale philosophische Positionen bestimmten die hellenistische Astrologie: Zum einen, ob die Gestirne als Zeichen oder als Ursachen wirken. Zum anderen, ob das Geschehen im Leben vollständig oder nur teilweise vorherbestimmt ist. Diese Spannungsfelder zwischen Schicksal und freiem Willen prägen die astrologische Praxis bis heute. Wiederbelebung einer vergessenen Tradition Mit dem Niedergang der antiken Welt und der Christianisierung Europas gingen viele Originaltexte verloren, andere wurden im Mittelalter verkürzt oder uminterpretiert. Viele Techniken der hellenistischen Astrologie gerieten über Jahrhunderte in Vergessenheit. Erst in den 1990er Jahren begann ‚Project Hindsight‘ (Robert Schmidt, Robert Hand, Robert Zoller, Ellen Black), antike Texte systematisch zu übersetzen. Chris Brennan kam 2004/2005 am Kepler College mit dieser Tradition in Kontakt. Schnell erkannte er den praktischen Wert und machte es sich zur Aufgabe, die hellenistische Astrologie für Zeitgenossen zugänglich zu machen – als ‚Übersetzung der Übersetzung‘. Warum der Blick zurück lohnt? Ohne die hellenistische Astrologie gäbe es keine Horoskope, wie wir sie kennen. Sie ist die Wurzel der gesamten westlichen Tradition. Zentrale Techniken der hellenistischen Astrologie Sekte: Der Unterschied zwischen Tag und Nacht Taghoroskope (Sonne über dem Horizont) und Nachthoroskope (Sonne darunter) modulieren die Planetenwirkung grundlegend. Dabei gelten Sonne, Jupiter und Saturn als tagaktiv, während Mond, Venus und Mars nachtaktiv sind. Merkur nimmt eine Sonderstellung ein: Als Morgenstern wirkt er tagaktiv, als Abendstern nachtaktiv. Diese Unterscheidung macht einen enormen Unterschied in der Deutung: Jupiter entfaltet seine wohltuende Wirkung verstärkt im Taghoroskop, Venus hingegen im Nachthoroskop. Mars zeigt sich nachts konstruktiver und milder, während er tagsüber konfrontativer auftritt. Saturn strukturiert am Tag, wird jedoch nachts restriktiver. Das Haus, in dem sich der positivere Planet befindet, wird wahrscheinlich auch positive Erfahrungen in diesem Lebensbereich bedeuten, während die Themen des Hauses, in dem sich der negativere Planet befindet, sehr herausfordernd sein können. Ganzzeichenhäuser: Einfacher und klarer Die hellenistische Astrologie nutzte überwiegend Ganzzeichenhäuser: Jedes Tierkreiszeichen entspricht einem ganzen Haus. Steht der Aszendent bei 23° Jungfrau, wird die gesamte Jungfrau zum ersten Haus, Waage zum zweiten und so weiter. Chris Brennan dokumentiert hunderte erhaltene Horoskope – die überwältigende Mehrheit nutzt dieses System. Neben den Ganzzeichenhäusern existierten zwei weitere Systeme: äquale Häuser und Quadrantenhäuser. Alle drei entstanden früh in der hellenistischen Tradition, wobei Quadranten- und äquale Häuser typischerweise als sekundäre Überlagerung dienten – oft nur für spezifische Techniken wie die Bestimmung der Lebensdauer. Nach dem neunten Jahrhundert geriet das Ganzzeichensystem allmählich in Vergessenheit. Warum ich persönlich damit arbeite: Transite werden dadurch viel nachvollziehbarer. Der Eintritt eines transitierenden Planeten in ein neues Zeichen bedeutet automatisch den Eintritt in ein neues Haus – der Transit beginnt mit dem Zeicheneintritt und endet mit dem Zeichenaustritt. Die entsprechenden Hausthemen werden oft sofort spürbar. Häuserbedeutungen: Keine Zeichen-Analogien Ein fundamentaler Unterschied zur modernen Astrologie: Die hellenistische Tradition kennt keine Entsprechungen wie „Widder = Mars = erstes Haus“. Moderne Astrologen übertragen Bedeutungen von Zeichen und Planeten auf Häuser – das ist eine spätere Entwicklung. Stattdessen entwickelte die hellenistische Tradition Häuserbedeutungen aus drei spezifischen Faktoren: Angularität (Eckhäuser und ihre Triaden)Häuser wurden nach ihrer Beziehung zu den Hauptachsen (AC – DC, MC – IC) gruppiert. Jede Triade folgt einem Rhythmus: Eckhäuser sind stark, nachfolgende Häuser aufbauend, abfallende Häuser auflösend. Konfiguration zum AszendentenHäuser in Aspekt zum Aszendenten (Sextil, Quadrat, Trigon, Opposition) gelten als aktiv und günstig. Häuser ohne Aspekt gelten als weniger förderlich, da sie den Aszendenten nicht „sehen“ können. Planetare FreudenJeder Planet hat ein bevorzugtes Haus, basierend auf dessen Beziehung zum Aszendenten: Merkur im 1. Haus (Konjunktion) Mond im 3. (Sextil) Venus im 5. (Trigon) Mars im 6. (ohne Aspekt = Aversion) Sonne im 9. (Trigon) Jupiter im 11. (Sextil) Saturn im 12. (ohne Aspekt = Aversion) Diese drei Konzepte bilden die Grundlage für das Verständnis der Häuser in der hellenistischen Astrologie und zeigen, wie Lebensbereiche energetisch geprägt werden. Häuserherrscher: Drei Deutungsebenen Bei der Betrachtung der Häuserherrscher deutet die hellenistische Astrologie mit drei Prinzipien: Ebene 1: Symbolische VerbindungSteht der Herrscher eines Hauses in einem anderen Haus, verbinden sich die Themen beider Häuser. Praxisbeispiel: Einer meiner Klienten hat Saturn als Herrscher seines 7. Hauses im 9. Haus. Seine Verlobte kommt aus Kolumbien.  Sie haben sich während eines freiwilligen Jahres in London kennengelernt (9. Haus: Ausland, höhere Bildung). Mit 30, als sein 7. Haus aktiviert war, verlobte er sich mit ihr. Ebene 2: Günstige vs. ungünstige PlatzierungSteht der Herrscher in einem günstigen Haus (in Aspekt zum Aszendenten), entwickeln sich die Themen meist positiv. In einem ungünstigen Haus (ohne Aspekt zum Aszendenten) eher herausfordernd. Ebene 3: Würden und

Spiritualität
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Astrologie – Irgendwas mit Sternen.

Du willst wissen, was sich hinter Astrologie verbirgt? Keine der bisherigen Antworten hat dich so richtig überzeugt? Ich bin in einem Buch von Demetra George, ‚Ancient Astrology in Theory and Practice’*, auf ein philosophisches Konzept gestoßen, das ich sehr schlüssig finde. Das kosmische Ordnungssystem der Antike Frühe Philosophen sahen den Kosmos als ein hierarchisches Ordnungssystem, in dem die Erde das Zentrum darstellte. Die Erde war umgeben von sieben sich bewegenden Planeten, einer Unmenge an Fixsternen – und alles war eingebettet in einem göttlichen Element, dem ‚Aithḗr‘. Am äußeren Rand des Systems befand sich die Ebene der Einheit, Ewigkeit und Unveränderbarkeit. Platon nannte es ‚The Good‘, Aristoteles ‚The Prime Mover‘ und Plotinus ‚The One‘. Dies war die Quelle allen Seins, das göttliche Prinzip selbst. Die drei Ebenen des Kosmos 1. Die Fixsterne – Das Göttliche Planeten und Fixsterne wurden als sichtbarer Ausdruck des göttlichen Prinzips angesehen. Die Fixsterne galten dabei als besonders göttlich wegen ihrer Nähe zur Quelle und ihrer unveränderlichen, ewigen Bewegung. 2. Die Planeten – Die Vermittler Die Planeten bewegten sich zwischen Fixsternen und Erde. Sie waren weniger göttlich, da weiter entfernt von der Quelle, und sie bewegten sich unregelmäßiger. Doch genau diese Position machte sie zu Vermittlern zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen. 3. Die Erde – Das Reich der Sterblichen Das Zentrum des Systems setzte sich aus den vier Elementen Feuer, Luft, Wasser und Erde zusammen. Die Erde selbst wurde von Sterblichen bevölkert, die sich gleichfalls aus den vier Elementen zusammensetzten und ausgestattet waren mit einem göttlichen Funken – auch Seele genannt. Die astrologische Deutungskunst Diese himmlische Anordnung diente den frühen Astrologen als Grundlage, um den Zustand der Planeten anhand unterschiedlicher Kriterien zu bewerten. Die Fixsterne bildeten dabei Bilder, durch die die Planeten scheinbar wanderten. Einige dieser Sternenbilder wurden später als die zwölf Tierkreiszeichen (Ekliptik) interpretiert, die als göttliche Residenzen verstanden wurden. Planetare Würden Den zwölf Tierkreiszeichen ordnete man die sieben Planeten zu. Wenn sich ein Planet in seiner „Heimatresidenz“ befand – wie zum Beispiel die Sonne im Tierkreiszeichen Löwe oder Venus im Zeichen Stier – galt das als besonders einflussreich und kraftvoll. Die Bewegung der Planeten Die Planeten selbst bewegten sich unregelmäßig, sowohl innerhalb ihrer eigenen Bahn als auch im Verhältnis untereinander. Diese planetaren Bewegungen wurden von den frühen Astrologen kartographiert, vielfältig beschrieben und in Zusammenhang mit dem Leben der Menschen auf der Erde gebracht. Die zwölf Häuser Mit dem täglichen Verlauf der Sonne, der ebenfalls in zwölf Abschnitte geteilt wurde, beschrieben die Astrologen zusätzlich Lebensbereiche – auch Häuser genannt – in denen sich die menschliche Erfahrung manifestierte. Die Rolle der Planeten Den Planeten wurde in diesem Prozess eine vermittelnde Rolle zwischen dem Göttlichen (den Tierkreiszeichen) und dem Irdischen (den Häusern) zugeschrieben. Sie waren die Boten, durch die göttliche Energie in das Leben auf der Erde integriert werden sollte. Man könnte sagen: Die Tierkreiszeichen sind die Sprache des Göttlichen, die Häuser sind die konkreten Lebensbereiche auf der Erde, und die Planeten sind die Übersetzer, die zwischen beiden vermitteln. Das Versprechen der Geburt Wenn ein Mensch geboren wird, halten die Planeten in ihrer Bewegung kurz inne und begeben sich in eines der zwölf irdischen Häuser. Dieser Moment markiert den Beginn eines Versprechens, das nun beginnt, sich zu entfalten. Das Geburtshoroskop ist somit wie eine kosmische Momentaufnahme – ein Abbild der Planetenkonstellationen zum Zeitpunkt der Geburt. Es zeigt die Qualität dieses einzigartigen Augenblicks und das Potenzial, das in diesem Moment angelegt wurde. Das Ziel der Planeten in ihren unterschiedlichen Zuständen ist es dabei, alles zu tun, um das Versprechen bestmöglich zu erfüllen. Manche haben es leichter (wenn sie in würdigen Positionen stehen), andere müssen härter arbeiten (wenn sie herausgefordert sind) – doch alle tragen ihren Teil zur Entfaltung dieses individuellen Lebensplans bei. Astrologie als spirituelle Praxis Dieses antike Verständnis macht deutlich: Astrologie ist mehr als ein Werkzeug zur Vorhersage. Sie ist eine spirituelle Praxis, die uns hilft zu verstehen, wie wir als göttliche Funken in einem materiellen Körper das Potenzial unserer Geburt verwirklichen können. Die Planeten erinnern uns daran, dass wir Teil eines größeren kosmischen Ganzen sind – verbunden mit dem Göttlichen und zugleich ganz konkret hier auf der Erde.   *Quelle: Demetra George, Ancient Astrology in Theory and Practice’, Volume One, 2019, Seiten 23-29

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